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21.12.2020 Till Rummenhohl über die Freilassung der Ocean Viking

Till, seit Ende Dezember ist die „Ocean Viking“ nach ihrer fünfmonatigen Festsetzung wieder frei. Ihr habt euch monatelang für die Freilassung eingesetzt. War von Anfang an klar, dass ihr euch auf eine Nachrüstung einlassen werdet? 
 
Wir waren zunächst überrascht, dass wir aufgrund technischer Anforderungen festgesetzt wurden. Die italienischen Hafenbehörden hatten in drei vorherigen Inspektionen seit Mitte 2019 keine Beanstandungen an unserem Schiff gehabt. Eine Freilassung war nur entweder technisch, also durch die Erfüllung der Forderungen, oder juristisch zu erreichen. Beide Wege hätten Geld und Zeit gekostet. Wir entschieden uns für die Nachrüstungen, da sie bei der Ocean Viking mit überschaubarem Aufwand umzusetzen waren. Dabei ging es immer darum, so schnell wie möglich wieder in den Rettungseinsatz zurück zu kehren. 
 
Obwohl die „Ocean Viking“ seit August 2019 unter hohen Sicherheitsstandards im Rettungseinsatz war, hatten die italienischen Behörden das Schiff am 22. Juli 2020 festgesetzt und umfassende Nachrüstungen gefordert. Waren diese Forderungen für euch plausibel? 
 
Unser Schiff erfüllte schon immer die Sicherheitsstandards und ist mit allen zur Seenotrettung benötigten Mitteln ausgerüstet. Die im Juli neu erhobenen Anforderungen betreffen hauptsächlich die Sicherheit geretteter Menschen an Bord unseres Schiffes während eines möglichen Notfalls auf See. Ein Rettungsschiff muss Notfallrettungsmittel für alle Menschen an Bord vorhalten. Das sind unter anderem Rettungsinseln, Überlebensanzüge und speziell zertifizierte Rettungswesten. Diese dürfen nur dann eingesetzt werden, wenn das Schiff z.B. bei einer Havarie kurzfristig von allen Personen verlassen werden muss. Wir hatten solche Notfallrettungsmittel nur für die Crew an Bord, nicht für möglicherweise Hunderte von geretteten Menschen. Als zertifiziertes Rettungsschiff braucht die Ocean Viking diese jedoch, sodass wir jetzt Rettungsmittel für bis zu 800 Personen nur für den Notfall vorhalten.Die Rettungsmittel, die SOS MEDITERRANEE regelmäßig im Einsatz nutzt, dürfen nicht als Notfallrettungsmittel gezählt werden. 

Für uns stand immer die schnelle Rückkehr in den Rettungseinsatz im Vordergrund. Deswegen entschieden wir uns unabhängig von der Plausibilität dafür, unser Schiff als offizielles Rettungsschiff eintragen zu lassen und die notwendigen Nachrüstungen im Sinne der Schiffssicherheit umzusetzen.   
 
Copyright: Flavio Gasperini / SOS MEDITERRANEE

U4R hat die Nachrüstungen ja mit € 170.000,00 unterstützt. Was genau musste gemacht werden, um die „Ocean Viking“ wieder freizubekommen? 
 
Wir standen vor zwei Herausforderungen. Zum einen der Finanzierung neuer, zertifizierter Notfallrettungsmittel und zum anderen deren Montage an Bord unseres Schiffes. Da auch Anforderungen an die Unterbringung der Notfallrettungsmittel gestellt wurden, musste unser Schiff für Umbauarbeiten in eine Werft. Beispielsweise mussten 
 
für die Notfallrettungsinseln spezielle Halterungen entworfen, gefertigt und an mehreren Stellen an Bord montiert werden. Die neuen großen Rettungsinseln mussten besorgt und in einen neuen Evakuierungsplan integriert werden. Wir mussten Hunderte zertifizierte Rettungswesten kaufen und leicht zugänglich an Bord unterbringen. Aufgrund der Fülle an Sicherheitsvorschriften gab es viele weitere Anpassungen, die wir vornehmen mussten. SOS MEDITERRANEE ist sehr dankbar, dass United4Rescue die Umsetzung maßgeblich mitfinanziert hat. 
 
Ihr habt umfangreich nachgerüstet: Glaubst du, dass somit eine weitere Festsetzung ausgeschlossen ist und plant ihr auch noch rechtlich gegen die Festsetzung vorzugehen? 
 
Unser Schiff ist nun bei der italienischen Klassifikationsgesellschaft RINA als Rettungsschiff eingetragen und zertifiziert. Eine abschließende technische Inspektion konnte bestätigen, dass wir alle geforderten Nachrüstungen erfüllt haben. Daraufhin wurde die Ocean Viking von den italienischen Behörden wieder freigegeben. Deshalb gehe ich nun erstmal davon aus, dass wir in Zukunft nicht mehr aus technischen Gründen festgesetzt werden. Da wir mit den Nachrüstungen erfolgreich waren, sehe ich momentan keinen Grund für weitere rechtliche Schritte. Es bleibt abzuwarten, ob wir nun, da die Ocean Viking auch in ihren Papieren als Rettungsschiff ausgewiesen ist, weiterhin mit der Behinderung unserer Arbeit zu rechnen haben.
 
Aktuell sind fünf weitere Schiffe von zivilen Seenotrettungsorganisationen aufgrund von angeblichen Sicherheitsmängeln durch italienische Behörden festgesetzt. Wäre auch hier eine Nachrüstung möglich und sinnvoll? 
 
Je nach Schiffstyp und Anforderungsliste sind auch bei einigen der anderen Schiffe Nachrüstung mit Sicherheit möglich. Wie sinnvoll diese wären, müsste im Einzelfall geprüft werden. Bei der Ocean Viking war die Aufrüstung zwar kostspielig, aber mit annehmbarem Aufwand umzusetzen. Das ist sicherlich nicht bei jedem Schiff der Fall. Andere Schiffe wurden auch mit unterschiedlichen Begründungen festgesetzt, zum Beispiel, sie hätten zu viele Rettungswesten an Bord gehabt oder zu wenige Toiletten. 
 
Was wünschst du dir für die zivile Seenotrettung für dieses Jahr?
 
Ich werde wohl nie aufhören mir zu wünschen, dass die zivile Seenotrettung überflüssig wird, weil niemand mehr sein Leben auf dem zentralen Mittelmeer in dieser Form riskieren muss. Das erscheint in nächster Zeit leider unrealistisch. Speziell für dieses Jahr wünsche ich mir, dass wir wieder Schiffe draußen im Mittelmeer haben, die Menschen aus einem humanitären Beweggrund retten. So viele Schiffe wie möglich. Und dass sich die europäische Staatengemeinschaft dadurch endlich um ein europäisches und gerechtes Aufnahmesystem kümmert.

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